Geschichte
Das Rothschildschloss
Vor einigen Jahren erwarb die Stadt
Waidhofen von den Bundesforsten das
Waidhofner Schloss, in dem bis dahin
die Forstfachschule untergebracht war.
Damit stellte sich auch die Frage, welchem
Zweck das so genannte »Rothschild-
Schloss« zugeführt werden
sollte. Für mehr als einhundert Jahre
war die alte Burg- und
Schlossanlage,
die Jahrhunderte lang die Geschicke der
Stadt mit prägte als abgeschlossenes
Areal dem Bewusstsein der Waidhofner
Bevölkerung nahezu entglitten.
Die Initialzündung für eine neue und
intensive Beschäftigung mit dem Bauwerk
und seiner Geschichte war der
Zuschlag für die Landesausstellung
2007. Der dafür notwendige Umbau
des Schlosses, durch Architekt Prof. Dr.
Hans Hollein, führte auch dazu, sich mit
der Geschichte des Hauses und seiner
Bewohnern auseinanderzusetzen.
Das Schloss hatte im Lauf seiner Geschichte
schon viele Veränderungen,
Zubauten und Neuerungen erlebt. Der
erste Kern der Stadt, den das »forum«
bildete und als Ergänzung der Burg in
Konradsheim diente, wurde durch eine
kleine Stadtburg auf dem Sporn über
dem Zusammenfluss von Ybbs und
Schwarzbach komplettiert. Diese Burg
der Peilsteiner Grafen ging nach deren
Aussterben 1218 an die Herrschaft
Freising, die ihre ausgedehnten Besitzungen
entlang dem linksseitigen Ybbsufer
von Waidhofen aus verwaltete.
Die ältesten Bauteile befinden sich
dabei an der Ostfassade und schließen
auch den kleinen Turm ein, der heute
durch sein pyramidenförmiges Glasdach
hervorsticht. Der mehrmalige
Aufenthalt des Freisinger Bischofs in
dieser Burg wird nicht nur durch verschiedene
Urkunden belegt, sondern
auch durch ein umfangreiches Inventarverzeichnis,
das 1313
erstellt
wurde.
Neben der Auflistung der
Waffenbestückung des Zeughauses
zeigt vor allem die Liste der Haushaltsgegenstände,
dass man auf einen
Aufenthalt des Bischofs und seines
Trosses jederzeit vorbereitet war.
Der zunehmende Wohlstand der
durch den Eisenhandel aufblühenden
Stadt erweckte bald die Begehrlichkeit
des Landesfürsten, der das Gebiet um
Waidhofen seinem Einflussbereich
einfügen wollte. Anlass dazu boten
Schulden des Bischofs, die um 1360 zur
Besetzung und Zerstörung der Burg in
Konradsheim durch Herzog Rudolf IV.
führten. Der frühe Tod Rudolfs führte
jedoch bald zur Wiederherstellung der
Freisinger Herrschaft und der Verwaltungssitz
wurde nun dauerhaft nach
Waidhofen verlegt.
Freisinger Verwaltungssitz
bis zum Reichsdeputationshauptschluss
Die kleine Burg wurde zu einem
großen und repräsentativen Gebäude
mit 40 m Länge und ybbsseitig vier
Stockwerken ausgebaut. Der Bergfried,
der durch seine Schrägstellung zum
Schloss seinen Entwurf offensichtlich
vor diesem Umbau durch Bischof
Berthold von Wehingen um 1400 hat,
scheint über mehrere Bauphasen
hinweg entstanden zu sein. Ein weiteres
Relikt der frühen Bausubstanz sind die
Fresken der ehemaligen Burgkapelle,
die bereits 1316 erwähnt wurde. Die
Freskenreste sind noch im Erdgeschoss
des Schlosses erkennbar. Die Schönsten
davon wurden 1921 in das
Treppenhaus übertragen und haben
nichts von ihrer Leuchtkraft verloren.
Seit dieser Zeit diente das Schloss als
Amtssitz des Verwalters der Bischöfe.
Wurden diese Pflegerstellen bis zum
16. Jahrhundert mit österreichischen
Adeligen besetzt, so erhielten seit der
zunehmenden Einmischung des
habsburgischen Landesfürsten nur
noch Bayern dieses Amt, das man von
eigenen Leuten verwalten lassen wollte.
Die Ortsfremden hatten keinen leichten
Stand bei den
selbstbewussten und
reichen Bürgern. In den 80er Jahren
des 16. Jahrhunderts eskalierte der
schwelende Konflikt mit den unbeliebten
Pflegern durch eine Provokation des
Rates, der auch noch protestantisch
war: Das Freisinger Wappen wurde vom Amstettner Tor entfernt und durch das
österreichische Landeswappen ersetzt.
Die darauf folgende Verurteilung und
Vertreibung der protestantischen
Oberschicht aus Waidhofen bedeutete
für lange Zeit das Ende der Autonomiebestrebungen.
Nach den beiden verheerenden Bränden
1515 und 1571, die beide vom
Schloss ausgingen und es schwer
beschädigten, erfolgten weitere Umbauten.
Vor allem aus dem zweiten Brand,
der durch einen Schuss auf eine Dohle
auf dem Dach ausgebrochen war, zog
man die Lehre, das Dach mit Ziegeln zu
decken, statt mit Holzschindeln. Um
1592 wurde der heute noch bestehende
Dachstuhl errichtet, für den die
Außenmauern um
einen Meter aufgestockt
werden mussten. Weitere
Umbauten dürften sich angesichts der
instabilen politischen Lage durch
Reformation und Bauernkriege verzögert
und bis in die Mitte des
17. Jahrhunderts gedauert haben.
1803 verlor das Hochstift Freising
durch den Reichsdeputationshauptschluss
die Besitzungen im Ybbstal, die
nun an den österreichischen Staat
übergingen. Nach der Auflösung der
Grundherrschaft verfiel das Schloss
zunehmend, wie der Absturz der Burgkapelle in die Ybbs in jener Zeit belegt.
Eine Ansicht von Karl Wipplinger aus
dem Jahr 1847 zeigt das Schloss bereits
ohne Kapellenerker. Eine notwendige
Reparatur am Turm 1869 ging einher
mit dem Abriss des spitzen Daches und
ließ das heutige Aussehen des Turmes
mit Zinnenkranz entstehen.
Das Schloss als Zentrum
der Rothschild-Domänen
im Mostviertel
Als Albert von Rothschild das Schloss
1875 erwarb ließ er schon einige Jahre
darauf den Umbau durch den Dombaumeister
der Bauhütte St. Stephan in
Wien Friedrich von Schmidt ausführen.
Schmidt hatte sich seit den fünfziger
Jahren des 19. Jahrhunderts einen
Namen als Restaurator mittelalterlicher
Burgen und Baumeister
neugotischer
Bauwerke, wie die Wiener Votivkirche
und das Rathaus gemacht und war
deshalb wohl von Baron Rothschild
beauftragt worden. Die Arbeiten
konzentrierten sich auf den Ausbau des
Innenhofes mit einem Arkadengang und
die Errichtung des Stöckl-Gebäudes,
wobei die Entwürfe Schmidts zeigen,
dass nicht alle Bauten in der von ihm
geplanten Form ausgeführt wurden.
Offensichtlich hatten die Bauherren
auch ihre eigenen Vorstellungen, die sie
mit einbrachten. So berichtet zum Beispiel
der Waidhofner Historiker Otto
Hierhammer von einer Episode, bei der
Baronin Rothschild die Kerkergewölbe
im Untergeschoss des Bergfrieds
besichtigte und angesichts der dort
vorgefundenen Skelettreste befahl,
diese Kellergewölbe zuzuschütten. Die
Innenausbauten im Schloss beschränkten
sich auf den Ausbau der vorhandenen
Substanz. 1890 wurde der Umbau des
Schlosses durch den Bau der neuen
Schlossbrücke beendet.
Als Louis Rothschild 1911 das
Schloss übernahm, ließ er es komplett
neu mit französischen Möbeln umgestalten
und machte es zu einem eleganten
Domizil, in dem sich die Familie
gerne aufhielt.
Das Schloss diente nicht nur als
Wohnresidenz der Familie bei ihren
Besuchen in Waidhofen, sondern auch
als Zentrale der Forstverwaltung für die
riesigen Domänen der Rothschilds um
Waidhofen und im Dürrensteingebiet.
Der Schlosspark wurde dabei umgestaltet.
Die Schwarzbachfront wurde
mit einem E-Werk zur
Versorgung des
Schlosses aufgerüstet und ybbsseitig ein
Spazierweg angelegt, der heute als
Bestanteil des Schlossparks wieder
begehbar ist. Das kleine E-Werk wurde
im Rahmen der Landesausstellung
zu einer Schauschmiede mit angeschlossener Rauchkuchl umgestaltet.
Nach dem Anschluss Österreichs an das
nationalsozialistische Deutsche Reich
hatte es dessen Führungsspitze sehr
eilig, Zugriff auf das Vermögen der jüdischen
Bevölkerung zu erhalten.
Besonders die Familie Rothschild war
eines der ersten Opfer. Das Familienoberhaupt
Louis de Rothschild wurde
1938 mehrere Monate inhaftiert, um
dadurch in den Besitz der Hüttenwerke
in Böhmen zu kommen und sowohl er
als auch die Familie von Alphonse
mussten beim Verlassen des Landes ihre
Kunstsammlungen zurücklassen. Auch
das Schloss in Waidhofen wurde enteignet
und die Kunstschätze,
darunter
Bilder von Gainsbourough, Romney
und Boucher, sowie wertvolle Fayancen
inventarisiert und wegtransportiert.
Während des Krieges wurde das
Schloss unter anderem als Depot für die
Archivalien der Stadt benutzt. Am Ende
des Krieges war es Schauplatz einer
weiteren historischen Episode. Die
Reste der Heeresgruppe Ostmark unter
General Rendulic hatten sich im
Waidhofner Schloss einquartiert und
die Bevölkerung fürchtete, dass
Waidhofen Schauplatz eines letzten
verzweifelten Abwehrgefechts gegen die
anrückenden sowjetischen Truppen
sein würde. Diese deutschen Resteinheiten
repräsentierten das, was von der
lange propagierten und auch von den
Alliierten gefürchteten Alpenfestung
übrig geblieben war. Nur wenige Tage
vor Kriegsende und mit einem Tag
Vorsprung vor den aus dem Osten
anrückenden Sowjets rückten amerikanische
Truppen, die sich in Steyr befanden,
über den Taleinschnitt des
Nellingbaches Richtung Waidhofen vor,
ohne auf Widerstand zu stoßen. Der
mutige Vorstoß eines amerikanischen
Offiziers, der die
Deutschen zur
Kapitulation aufforderte, verhinderte
für die Stadt weitere Kampfhandlungen.
General Rendulic begab sich in amerikanische
Gefangenschaft und die am
nächsten Tag einrückenden Sowjets
konnten Waidhofen in Besitz nehmen,
und es für die nächsten 10 Jahre ihrem
Besatzungsgebiet einfügen.
Man darf annehmen, dass die lang
andauernde militärische Besetzung
schlimme Spuren im Schloss hinterließ.
Als Ende der 40er Jahre die Rothschilds
ihre Besitzungen zurück bekamen,
vermachte Louis, der inzwischen in die USA ausgewandert war, die Waidhofner
Domänen mit dem Schloss als Sitz der
Forstverwaltung dem österreichischen
Staat mit der Auflage, für seine ehemaligen
Arbeiter einen Pensionsfonds
einzurichten, der ihnen finanzielle
Absicherung garantierte.
In der Nachfolge der früheren Nutzung
des Schlosses wurde die Verwaltung der
Güter an die Bundesforste übergeben,
die eine Forstfachschule errichteten,
die bis 2002 dort beheimatet war und
heute noch als einklassige Forstschule
an einem anderen Standort in Waidhofen
weiter besteht. Im Rahmen einiger
Immobilienverkäufe des Bundesministeriums
wurde auch das ehemalige
Rothschildschloss zum Verkauf angeboten
und von der Gemeinde 2003
erworben.
Heute glänzt das Schloss, das vom
Stararchitekten Hans Hollein mit
sensibler Rücksichtnahme auf die mittelalterlichen
Baustrukturen umgebaut
wurde, durch moderne gläserne
Aufbauten, die die Proportionen von
Schloss und Turm wiederherstellen.
Im Inneren bildet der ebenfalls von
Hollein geplante und spektakuläre
Kristallsaal das Zentrum des Schlosses,
das als lebendiges Veranstaltungszentrum
mit kulturtouristischer Nutzung
der Mittelpunkt des Waidhofner Kulturlebens ist.