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Geschichte

Das Rothschildschloss

Vor einigen Jahren erwarb die Stadt Waidhofen von den Bundesforsten das Waidhofner Schloss, in dem bis dahin die Forstfachschule untergebracht war. Damit stellte sich auch die Frage, welchem Zweck das so genannte »Rothschild- Schloss« zugeführt werden sollte. Für mehr als einhundert Jahre war die alte Burg- und Burgbannzeichnung 1652Schlossanlage, die Jahrhunderte lang die Geschicke der Stadt mit prägte als abgeschlossenes Areal dem Bewusstsein der Waidhofner Bevölkerung nahezu entglitten. Die Initialzündung für eine neue und intensive Beschäftigung mit dem Bauwerk und seiner Geschichte war der Zuschlag für die Landesausstellung 2007. Der dafür notwendige Umbau des Schlosses, durch Architekt Prof. Dr. Hans Hollein, führte auch dazu, sich mit der Geschichte des Hauses und seiner Bewohnern auseinanderzusetzen. Das Schloss hatte im Lauf seiner Geschichte schon viele Veränderungen, Zubauten und Neuerungen erlebt. Der erste Kern der Stadt, den das »forum« bildete und als Ergänzung der Burg in Konradsheim diente, wurde durch eine kleine Stadtburg auf dem Sporn über dem Zusammenfluss von Ybbs und Schwarzbach komplettiert. Diese Burg der Peilsteiner Grafen ging nach deren Aussterben 1218 an die Herrschaft Freising, die ihre ausgedehnten Besitzungen entlang dem linksseitigen Ybbsufer von Waidhofen aus verwaltete. Die ältesten Bauteile befinden sich dabei an der Ostfassade und schließen auch den kleinen Turm ein, der heute durch sein pyramidenförmiges Glasdach hervorsticht. Der mehrmalige Aufenthalt des Freisinger Bischofs in dieser Burg wird nicht nur durch verschiedene Urkunden belegt, sondern auch durch ein umfangreiches Inventarverzeichnis, das 1313 erstellt wurde. Neben der Auflistung der Waffenbestückung des Zeughauses zeigt vor allem die Liste der Haushaltsgegenstände, dass man auf einen Aufenthalt des Bischofs und seines Trosses jederzeit vorbereitet war. Der zunehmende Wohlstand der durch den Eisenhandel aufblühenden Stadt erweckte bald die Begehrlichkeit des Landesfürsten, der das Gebiet um Waidhofen seinem Einflussbereich einfügen wollte. Anlass dazu boten Schulden des Bischofs, die um 1360 zur Besetzung und Zerstörung der Burg in Konradsheim durch Herzog Rudolf IV. führten. Der frühe Tod Rudolfs führte jedoch bald zur Wiederherstellung der Freisinger Herrschaft und der Verwaltungssitz wurde nun dauerhaft nach Waidhofen verlegt.

Freisinger Verwaltungssitz bis zum Reichsdeputationshauptschluss


Die kleine Burg wurde zu einem großen und repräsentativen Gebäude mit 40 m Länge und ybbsseitig vier Stockwerken ausgebaut. Der Bergfried, der durch seine Schrägstellung zum Schloss seinen Entwurf offensichtlich Zeichnung des Baumeisters Friedrich von Schmidt Jänner 1887vor diesem Umbau durch Bischof Berthold von Wehingen um 1400 hat, scheint über mehrere Bauphasen hinweg entstanden zu sein. Ein weiteres Relikt der frühen Bausubstanz sind die Fresken der ehemaligen Burgkapelle, die bereits 1316 erwähnt wurde. Die Freskenreste sind noch im Erdgeschoss des Schlosses erkennbar. Die Schönsten davon wurden 1921 in das Treppenhaus übertragen und haben nichts von ihrer Leuchtkraft verloren. Seit dieser Zeit diente das Schloss als Amtssitz des Verwalters der Bischöfe. Wurden diese Pflegerstellen bis zum 16. Jahrhundert mit österreichischen Adeligen besetzt, so erhielten seit der zunehmenden Einmischung des habsburgischen Landesfürsten nur noch Bayern dieses Amt, das man von eigenen Leuten verwalten lassen wollte. Die Ortsfremden hatten keinen leichten Stand bei den Albert von Rothschild selbstbewussten und reichen Bürgern. In den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts eskalierte der schwelende Konflikt mit den unbeliebten Pflegern durch eine Provokation des Rates, der auch noch protestantisch war: Das Freisinger Wappen wurde vom Amstettner Tor entfernt und durch das österreichische Landeswappen ersetzt. Die darauf folgende Verurteilung und Vertreibung der protestantischen Oberschicht aus Waidhofen bedeutete für lange Zeit das Ende der Autonomiebestrebungen. Nach den beiden verheerenden Bränden 1515 und 1571, die beide vom Schloss ausgingen und es schwer beschädigten, erfolgten weitere Umbauten. Vor allem aus dem zweiten Brand, der durch einen Schuss auf eine Dohle auf dem Dach ausgebrochen war, zog man die Lehre, das Dach mit Ziegeln zu decken, statt mit Holzschindeln. Um 1592 wurde der heute noch bestehende Dachstuhl errichtet, für den die Außenmauern um einen Meter aufgestockt werden mussten. Weitere Umbauten dürften sich angesichts der instabilen politischen Lage durch Reformation und Bauernkriege verzögert und bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts gedauert haben. 1803 verlor das Hochstift Freising durch den Reichsdeputationshauptschluss die Besitzungen im Ybbstal, die nun an den österreichischen Staat übergingen. Nach der Auflösung der Grundherrschaft verfiel das Schloss zunehmend, wie der Absturz der Burgkapelle in die Ybbs in jener Zeit belegt. Eine Ansicht von Karl Wipplinger aus dem Jahr 1847 zeigt das Schloss bereits ohne Kapellenerker. Eine notwendige Reparatur am Turm 1869 ging einher mit dem Abriss des spitzen Daches und ließ das heutige Aussehen des Turmes mit Zinnenkranz entstehen.

Das Schloss als Zentrum der Rothschild-Domänen im Mostviertel


Als Albert von Rothschild das Schloss 1875 erwarb ließ er schon einige Jahre darauf den Umbau durch den Dombaumeister der Bauhütte St. Stephan in Wien Friedrich von Schmidt ausführen. Schmidt hatte sich seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen Namen als Restaurator mittelalterlicher Burgen und BaumeisterNach dem Umbau durch Friedrich Schmidt, Foto von 1893 Vor dem Umbau durch Friedrich Schmidt, Foto von ca. 1880neugotischer Bauwerke, wie die Wiener Votivkirche und das Rathaus gemacht und war deshalb wohl von Baron Rothschild beauftragt worden. Die Arbeiten konzentrierten sich auf den Ausbau des Innenhofes mit einem Arkadengang und die Errichtung des Stöckl-Gebäudes, wobei die Entwürfe Schmidts zeigen, dass nicht alle Bauten in der von ihm geplanten Form ausgeführt wurden. Offensichtlich hatten die Bauherren auch ihre eigenen Vorstellungen, die sie mit einbrachten. So berichtet zum Beispiel der Waidhofner Historiker Otto Hierhammer von einer Episode, bei der Baronin Rothschild die Kerkergewölbe im Untergeschoss des Bergfrieds besichtigte und angesichts der dort vorgefundenen Skelettreste befahl, diese Kellergewölbe zuzuschütten. Die Innenausbauten im Schloss beschränkten sich auf den Ausbau der vorhandenen Substanz. 1890 wurde der Umbau des Schlosses durch den Bau der neuen Schlossbrücke beendet. Als Louis Rothschild 1911 das Schloss übernahm, ließ er es komplett neu mit französischen Möbeln umgestalten und machte es zu einem eleganten Domizil, in dem sich die Familie gerne aufhielt. Das Schloss diente nicht nur als Wohnresidenz der Familie bei ihren Besuchen in Waidhofen, sondern auch als Zentrale der Forstverwaltung für die riesigen Domänen der Rothschilds um Waidhofen und im Dürrensteingebiet. Der Schlosspark wurde dabei umgestaltet. Die Schwarzbachfront wurde mit einem E-Werk zur Salon im Parterre des SchlossesVersorgung des Schlosses aufgerüstet und ybbsseitig ein Spazierweg angelegt, der heute als Bestanteil des Schlossparks wieder begehbar ist. Das kleine E-Werk wurde im Rahmen der Landesausstellung zu einer Schauschmiede mit angeschlossener Rauchkuchl umgestaltet. Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich hatte es dessen Führungsspitze sehr eilig, Zugriff auf das Vermögen der jüdischen Bevölkerung zu erhalten. Besonders die Familie Rothschild war eines der ersten Opfer. Das Familienoberhaupt Louis de Rothschild wurde 1938 mehrere Monate inhaftiert, um dadurch in den Besitz der Hüttenwerke in Böhmen zu kommen und sowohl er als auch die Familie von Alphonse mussten beim Verlassen des Landes ihre Kunstsammlungen zurücklassen. Auch das Schloss in Waidhofen wurde enteignet und die Kunstschätze, Louis von Rothschild darunter Bilder von Gainsbourough, Romney und Boucher, sowie wertvolle Fayancen inventarisiert und wegtransportiert. Während des Krieges wurde das Schloss unter anderem als Depot für die Archivalien der Stadt benutzt. Am Ende des Krieges war es Schauplatz einer weiteren historischen Episode. Die Reste der Heeresgruppe Ostmark unter General Rendulic hatten sich im Waidhofner Schloss einquartiert und die Bevölkerung fürchtete, dass Waidhofen Schauplatz eines letzten verzweifelten Abwehrgefechts gegen die anrückenden sowjetischen Truppen sein würde. Diese deutschen Resteinheiten repräsentierten das, was von der lange propagierten und auch von den Alliierten gefürchteten Alpenfestung übrig geblieben war. Nur wenige Tage vor Kriegsende und mit einem Tag Vorsprung vor den aus dem Osten anrückenden Sowjets rückten amerikanische Truppen, die sich in Steyr befanden, über den Taleinschnitt des Nellingbaches Richtung Waidhofen vor, ohne auf Widerstand zu stoßen. Der mutige Vorstoß eines amerikanischen Offiziers, der die Das Schloss nach dem Umbau durch den Stararchitekten Hans HolleinDeutschen zur Kapitulation aufforderte, verhinderte für die Stadt weitere Kampfhandlungen. General Rendulic begab sich in amerikanische Gefangenschaft und die am nächsten Tag einrückenden Sowjets konnten Waidhofen in Besitz nehmen, und es für die nächsten 10 Jahre ihrem Besatzungsgebiet einfügen. Man darf annehmen, dass die lang andauernde militärische Besetzung schlimme Spuren im Schloss hinterließ. Als Ende der 40er Jahre die Rothschilds ihre Besitzungen zurück bekamen, vermachte Louis, der inzwischen in die USA ausgewandert war, die Waidhofner Domänen mit dem Schloss als Sitz der Forstverwaltung dem österreichischen Staat mit der Auflage, für seine ehemaligen Arbeiter einen Pensionsfonds einzurichten, der ihnen finanzielle Absicherung garantierte. In der Nachfolge der früheren Nutzung des Schlosses wurde die Verwaltung der Güter an die Bundesforste übergeben, die eine Forstfachschule errichteten, die bis 2002 dort beheimatet war und heute noch als einklassige Forstschule an einem anderen Standort in Waidhofen Kristallsaalweiter besteht. Im Rahmen einiger Immobilienverkäufe des Bundesministeriums wurde auch das ehemalige Rothschildschloss zum Verkauf angeboten und von der Gemeinde 2003 erworben. Heute glänzt das Schloss, das vom Stararchitekten Hans Hollein mit sensibler Rücksichtnahme auf die mittelalterlichen Baustrukturen umgebaut wurde, durch moderne gläserne Aufbauten, die die Proportionen von Schloss und Turm wiederherstellen. Im Inneren bildet der ebenfalls von Hollein geplante und spektakuläre Kristallsaal das Zentrum des Schlosses, das als lebendiges Veranstaltungszentrum mit kulturtouristischer Nutzung der Mittelpunkt des Waidhofner Kulturlebens ist.